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Dr. Menachem Oberbaum / Dr. Michael Fras

Rücknahmen (Retraction) im medi-
zinischen Publizieren: Institutionelle
Macht und prozedurale Gerechtigkeit

Dieser Vortrag befasst sich mit einer fundamentalen
Schwäche der gegenwärtigen Publikationsethik: dem
Fehlen einer unabhängigen Instanz im Retraktionsprozess.
Am Beispiel einer in Indien durchgeführten klinischen
Studie in der Pädiatrie, die trotz valider Daten und erheblicher wissenschaftlicher Resonanz infolge nachträglicher methodischer Neubewertungen zurückgezogen
wurde, wird das Konzept der Procedural Justice (Verfahrensgerechtigkeit) kritisch analysiert.
Diese Studie reiht sich in eine wachsende Reihe von Retraktionen homöopathischer Studien ein, die wir in den letzten Jahren beobachten können.
Unter Rückgriff auf Montesquieus Prinzip der Gewaltenteilung wird argumentiert, dass die derzeitige Praxis, in
der Fachzeitschriften zugleich als Gesetzgeber, Ermittler und Richter auftreten, ein strukturelles Risiko für die
wissenschaftliche Integrität darstellt. Besonders problematisch ist das Fehlen einer unabhängigen und objekti-
ven Berufungsinstanz, vor der Autorinnen und Autoren ihre Einwände geltend machen können.
Diese strukturelle Schieflage wird zusätzlich durch die
neugefassten Richtlinien von COPE verschärft. Problematisch ist insbesondere die Klausel, die es Redaktionen
erlaubt, Artikel auch ohne konkrete Nachweise wissenschaftlichen Fehlverhaltens zurückzuziehen – etwa mit
der Begründung, man habe „das Vertrauen in die Studie
verloren“ (Loss of Confidence). Eine solche Praxis öffnet
der Willkür Tür und Tor und unterminiert grundlegende Prinzipien fairer Verfahren.

Rücknahmen (Retraction) im medi- zinischen Publizieren: Institutionelle Macht und prozedurale Gerechtigkeit – Dr. Menachem Oberbaum / Dr. Michael Fras

Artikelnummer: DZH26_13 Kategorie: Schlagwörter: ,

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